Nachtwächter vertrieben „Gespenster“
und führten sicher durch
die Bergfeste

Dilsberger Jugendherberge organisierte historische Führung
11. Mai 2005
 

Nachtwächterumzug auf dem Dilsberg, der ist bekannt und unweigerlich mit Silvester verbunden. Manch einer rieb sich verwundert die Augen, als er mitten im Mai die Nachtwächter in vollem Ornat durch die historische Bergfeste wandern sah. Begleitet wurden sie von zwei Heidelberger Schulklassen, die in der Jugendherberge übernachteten und mit ihren Lehrerinnen eine Nachtwanderung unternahmen.

Während Herbergsvater Matthias Dreschert, der die Idee zu dieser besonderen Führung hatte, die Nachtwächter begrüßte, warteten die Schülerinnen und Schüler einer 2. und 4. Klasse bereits aufgeregt im Hof der Jugendherberge.
 

Die Jüngeren waren ein wenig in Sorge, ob im Dunkeln Gespenster kämen, zum Glück völlig unbegründet, denn heute waren sie in sicherer Begleitung. Voller Spannung wurden die Nasen an die Fensterscheibe gedrückt, um einen ersten Blick auf einen der Nachtwächter zu erhaschen.
 

 

Dann war es endlich soweit, neun Männer gesellten sich in ihren langen dunklen Mänteln, den Hellebarden und ihren Laternen mitten unter die Kinder. Nachtwächter Frans Hermans erklärte den Teilnehmern als erstes die Aufgaben der Nachtwächter. Sie mussten nach dem Rechten schauen, ob die Lichter wirklich gelöscht, das Tor geschlossen und die Turmuhr geölt war. „Seid ihr echt?“ und „Ist das eine Lanze?“ lauteten die ersten zaghaften Fragen. Aufmerksam lauschten sie den nachtwächterlichen Erklärungen über ihre Ausrüstung und den verschiedenen Nutzungen der Jugendherberge in früheren Jahren.
 

 

Am Tor, dem Eingang zur Feste, wurde ein Blick auf die Bürgerglocke von 1732 und die evangelische Kirche geworfen. Danach ging es in die untere Gasse, wo die Häuser direkt auf die Stadtmauer gebaut wurden. Die ersten Bewohner der Bergfeste verließen auf Geheiß des Kurfürsten von Heidelberg ihre Unterkünfte in der Rainbach sowie im Dilsbergerhof und wurden dafür von der Leibeigenschaft befreit. Das größte Problem auf der Feste war die Wasserversorgung. Erst 1888 wurde die erste Wasserleitung gelegt, davor mussten die Menschen das Wasser in Eimern auf dem Kopf hoch tragen.
 

 

Schnell wurde von den Kindern der 1. Dorfwaibel Gerhard Horchheimer mit seinem Horn, das er mehrmals kräftig erschallen ließ, als "Chef" der Gruppe ausgemacht. Begeistert über diese Art der Führung folgten sie zum nächsten Stopp an der katholischen Kirche. Der Dilsberg liegt 298,76 m hoch und hat nur eine „Hauptstraße“ zu bieten, die Obere Gasse. Vorbei an der ersten evangelischen Kirche, führte der Weg an einen Backofen im Freien, zur Burg, die um 1140 gebaut wurde und in der 6 - 8 Rittersleute gelebt hatten.
 

Mark Twains Reiseerzählungen verdankt der Ort die Freilegung des Brunnenstollens durch Fritz von Briesen, in welchem Fledermäuse überwintern. Nette Anekdoten in kindgerechter Weise erzählt, regten immer wieder die Fantasie der Kinder an und animierten zum Fragen stellen. Bei der Burg konnten die Größeren bereits mit einigem Wissen aufwarten, so dass der Nachtwächter schmunzelnd meinte: „er sei ja fast überflüssig“. Der Hexenkeller war früher ein Kerker und das Kommandantenhaus diente als Wohnhaus des Kommandanten, Gefängnis, Schule und beherbergt heute die Kulturstiftung des Rhein-Neckar-Kreises. Nachtwächter Edgar Ohlhauser zitierte lustige Nachtwächter- sprüche.
 

Inzwischen war es dunkel geworden, aber die Nachtwächterlaternen sowie die mitgebrachten Taschenlampen sorgten für einen sicheren Heimweg. Müde aber begeistert erreichten alle wieder die Jugendherberge, wo ein letztes Mal das Horn ertönte und eine „Gute Nacht“ verkündete.

 
boe/bz