Baden-württembergische Nachtwächter und Türmer tagten auf dem Dilsberg

Vorstellung der teilnehmenden Zünfte begeisterte die Bevölkerung

5. Januar 2008

Wie eine große Familie treffen sich jedes Jahr an Dreikönig, Nachtwächter und Türmer aus ganz Baden-Württemberg, die sich mit Leib und Seele der Pflege und Aufrechterhaltung dieses historischen Brauchtums verschrieben haben.
 

In diesem Jahr übernahmen die Dilsberger Nachtwächter die Gastgeberrolle und „Dorfwaibel“ Gerhard Horchheimer begrüßte in der Tuchbleichenhalle die 60 Teilnehmer und als Gäste aus der Schweiz die Nachtwächter aus Bischofszell. Bürgermeister Horst Althoff und Ortsvorsteher Stefan Wiltschko war es eine Ehre und Freude, dass die Zunft ihr Landestreffen anlässlich des Jubiläumsjahres der Burg, auf dem Dilsberg abhielt.
 

Nach einer gemütlichen Kaffeerunde und der Begrüßung durch Zunftmeister Erich Bannholzer wurden zwei weitere Nachtwächter, Dr. Eugen Hafner und Diethard Krings aus Aalen, neu in die Zunft aufgenommen. Beachtenswert ist der von Rudolf Stark aus Markdorf geschnitzte Zunfttisch, dessen Mitte das Zunftwappen ziert um das rings herum die Wappen aller Zunftmitglieder angeordnet sind und drei wichtige Rederegeln eingraviert wurden: 1. Freigabe nur durch den Zunftmeister; 2. Rede klar und deutlich; 3. Fasse dich kurz.
 

Einer Uraufführung konnten die Zunftmitglieder auf dem Dilsberg beiwohnen. Der Markdorfer Nachtwächter hatte inspiriert durch die Bergnähe seines Wohnortes den genialen Einfall selbst ein Alphorn herzustellen und als Autodidakt das Blasen angeeignet. Mit diesem Alphornruf versuchte er nun seinen Gesellen Winfried Böhm zu locken, was in der Tat erfolgreich gelang und mit seiner sonoren Stimme erfreute er die Zuhörer. Der Gesell stand seinem Meister in nichts hinterher und hatte das Bodenseelied als Hommage für diesen schnuckeligen Ort umgetextet, das er nun zum Besten gab und den Text mitsamt einer Kiste Wein an Bürgermeister Althoff und Ortsvorsteher Wiltschko überreichte. Die Nachtwächter und Türmer sorgten bereits am Nachmittag für eine tolle, familiäre Stimmung.
 

Danach ging es zur Jungendherberge, wo zunächst die Zimmerverteilung anstand. Überraschenderweise hatten sich auch die Herbergseltern Katharina und Matthias Dreschert mit ihrem Nachwuchs Emil und Oskar "verkleidet" und begrüßten ihre Gäste - passend zum 800-jährigen Burgjubiläum - in mittelalterlichen Gewändern und boten einen tollen Anblick. Obernachtwächter Erwin Lanzer verfolgte kritisch und angespannt das Procedere, schließlich oblag seiner bewährten Führung die Organisation dieses riesigen Events auf dem Dilsberg.
 

Im atmosphärisch stilvollen Rittersaal fand anschließend die nichtöffentliche Zunftsitzung in Dienstkleidung statt. Hier herrschen noch strenge Regeln, der Zutritt ist ausschließlich Zunftmitgliedern gestattet und die Tagesordnung wurde straff durchgezogen, darauf achtete der 2. Zunftmeister Peter Schwedes - Türmer vom Katzenturm in Heidelsheim - als Sitzungsleiter akribisch. Dem offiziellen Pflichtprogramm folgte das gemeinsame Abendessen in der Tuchbleichenhalle.
 

Gegen 20 Uhr machten sich die Teilnehmer auf den Weg um sich auf dem Dilsberger Dorfplatz der Bevölkerung vorzustellen. Gemeinsam zogen 18 Nachtwächter, 5 Türmer und eine Türmerin sowie eine Bürgersfrau mit ihren Laternen und Hellebarden durch den Torturm, über die Pflastersteine der Unteren Straße zur Oberen Straße, hin zum Dorfplatz. Hier wurden sie trotz regnerischer Wetterlage bereits von zahlreichen Menschen erwartet.

Die Dilsberger Nachtwächter säumten mit Fackeln das eigens aufgebaute Podium, als Ortsvorsteher Wiltschko mit Goethes „Lied des Türmers“ die Gäste in gereimter Form begrüßte. In ihren unterschiedlichen Uniformen gaben die Teilnehmer mit ihren gut gewachsenen Bärten und ausdrucksvollen Mienen ein imposantes Bild ab und ließen mitten in der historischen Bergfeste vergangene Zeiten aufleben.
 

Für die Gastgeber skizzierte Gerhard Horchheimer die Brauchtumspflege der Dilsberger Nachtwächter, bevor sich die teilnehmenden Zünfte mit originellen Stundenversen, Nachtwächterliedern und lustigen Geschichten präsentierten. Der „jüngste“ Nachtwächter aus Aalen - da heute erst in die Zunft aufgenommen - berichtete vom „Aalener Spion“ und sein Kollege erzählte eine Türmeranekdote. Die Türmer von Öhringen unterhielten die Zuschauer musikalisch und bliesen den „Neujahrsruf“.
 

Zunftmeister Bannholzer und sein Stellvertreter verkündeten mit „Hört, ihr Leut und spitzt die Ohren“, dass Heidelsheim der einzige Ort sei, welcher sowohl einen Nachtwächter als auch einen Türmer besitze. Türmerin Blanka Knodel aus Bad Wimpfen stellte sich als einzige selbstständige Frau auf einem Turm vor und brachte die Zuschauer zum Schmunzeln.
 

Aus der Schweiz war Bernhard Bischof aus Bischofszell angereist und überbrachte einen Silvestergruß. Der Vertreter aus Weil der Stadt erfreute das Publikum mit einem Gedicht. Rudolf Stark aus Markdorf sang das Nachtwächterlied in welches alle mit einstimmten und sein „Gesell“ Winfried Böhm begeisterte mit einer musikalischen Hommage an den Dilsberg: "Auf dem Dilsberg so hoch da droben, da steht ´ne Burg."
 

Der Stadttürmer aus Meersburg sowie das Nachtwächter-Ehepaar aus Engen gaben Nachtwächtergeschichten zum Besten. In gereimter Form erfreute der Nachtwächter aus Schwäbisch-Hall und sein Kollege aus Mühlheim/Donau erzählte von Napoleons größter Niederlage, bei welcher der große Feldherr mit seinem Heer zwar kapitulierte, aber Mühlheim danach fast keine Jungfrauen mehr besaß.
 

Ortsvorsteher Wiltschko dankte den Zunftmitgliedern für die bescherte „Sternstunde“ mit einer faszinierenden Vielfalt an Sprachen und Charakteren. Die große „Nachtwächter- und Türmerfamilie“ verabschiedete sich von den begeisterten Zuschauern mit dem gemeinsamen Lied „Kein schöner Land“. Trotz des Regens hatten erfreulich viele Leute diesen fulminanten Auftritt verfolgt und traten innerlich beschwingt den Heimweg an. Stefan Wiltschko überreichte anschließend in der Tuchbleichenhalle im Namen des Bürgermeisters an Zunftmeister Bannholzer einen Ölkrug - das Symbol der Stadt Neckargemünd.
 

Die Nachtwächter und Türmer aber saßen noch gemütlich zusammen, erzählten Anekdoten, sangen Lieder und tauschten Erfahrungen aus. "Dorfwaibel" Gerhard Horchheimer wusste zu berichten, dass Zunftmeister Erich Bannholzer deshalb so gerne auf den Dilsberg reise, weil er immer noch im Glauben sei, der Bannholzweg sei nach ihm benannt.
 

Die Gitarre wurde herausgeholt, Liedblätter verteilt und voller Sangeslust fröhlich das "Rotweinlied" auf die Melodie "Ein bisschen Frieden" gesungen. Selbstverständlich machten auch originelle Nachtwächtergeschichten die Runde und ließen keine Langeweile aufkommen.
 

Fünfzehn Dilsberger Nachtwächter bewährten sich als Team und meisterten mit der tatkräftigen Unterstützung ihrer Frauen bravourös und zur vollsten Zufriedenheit der Teilnehmer die Organisation des diesjährigen Zunfttreffens. Die neuen Nachtwächter-Sweatshirts mit dem bekannten Logo waren eine Augenweide und fanden großen Anklang.
 

boe/bz